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Kultur & Leben | 18.04.2005

Care-Pakete aus Deutschland in alle Welt

 

Liebe geht durch den Magen. Heimweh auch. So sehr man sich als Ausgewanderter auch heimisch fühlen mag in der Fremde, manchmal fehlen einem einfach das Schwarzbrot und der Honig. Und einiges mehr.

 

 

Der süße Senf kommt aus Kleinmachnow in Brandenburg. Und die Schokolade und der Kartoffelbrei zum Anrühren auch. Kleinmachnow, das lag früher am Ende der Welt, direkt an der Mauer zu West-Berlin.

 

Mittlerweile hat sich die Kleinstadt ganz schön herausgeputzt: am Ortseingang die unvermeidlichen Supermarkt-Ketten, gepflegte Vorgärten, neugebaute Reihenhäuser. In einem davon wohnt Norbert Gutheins. Drunten im Keller packt er seine Pakete: Schokolade nach Brasilien, Sauerkraut-Konserven nach Finnland. Überall dorthin, wo Deutsche wohnen – oder Leute, die sich nach deutschem Kaffee und deutschen Gummibärchen sehnen.

 

Guglhupf-Bäckerei in Durham/USABildunterschrift: Guglhupf-Bäckerei in Durham/USA

 

Heiße Ware

 

Angefangen hat alles mit einem Zeitungsartikel über eine amerikanische Oma mit krimineller Ader. Für ihre Enkel schmuggelt sie Überraschungseier aus Deutschland in die USA. Denn die sind dort verboten: Außen Schokolade, innen Plastikspielzeug, das erlaubt das strikte amerikanische Lebensmittelrecht nicht. Hinschicken geht aber. Und so wurde aus Norbert Gutheins Anfangsidee mit den Überraschungseiern ein ganzer Versandhandel: deutsche Lebensmittel, zu bestellen unter www.german-grocery.com. Seitdem hat die Post in Kleinmachnow viel zu tun.

 

Windelweiches Wonderbread

 

"Überraschungseier – das würden wir selbst dann nicht verkaufen, wenn wir dürften", meint Hartmut Jahn aus Durham, USA. "Wir haben hier gehobene Kundschaft: Leute von der Uni und von den Technologiefirmen hier am Ort." Hartmut Jahn gehört die deutsche Bäckerei Guglhupf mitten im sogenannten Triangle, der neuen Bio-Tech-Region in North Carolina. Drei Universitäten, internationales Publikum, viele Deutsche, die dort leben und arbeiten. Und damit viele, denen das "Wonderbread", das windelweiche amerikanische Weißbrot, nicht schmeckt.

 

Backen statt Programmieren

 

Vor einigen Jahren hatten er und seine damalige Lebensgefährtin Claudia Cooper keine Lust mehr auf ihre Jobs in einer Münchner Computerfirma. Claudia Cooper hatte in den USA studiert und dabei festgestellt, dass es vor allem das deutsche Brot war, das sie dort vermisste. Denn das ist konkurrenzlos gut, weltweit.

 

Sie kündigte ihren Job, ging zwei Jahre bei einer Münchner Traditions-Bäckerei in die Lehre und machte sich dann mit Hartmut Jahn in die USA auf. "Einen Versuch hatten wir, one shot. Zu mehr hätte das Geld nicht gereicht", erzählt sie. Am Anfang hieß das: 16-Stunden-Tage inmitten von Knetmaschinen, Backöfen, Mehlstaub. Die Beziehung ging dabei in die Brüche, die Bäckerei jedoch floriert. Nussschnecken, Sesambrötchen und Fünfkornbrote nach deutschem Rezept sind im Triangle der Renner. Und ihre Weihnachtsstollen verschicken die Guglhupf-Leute an Deutsche in ganz Amerika.

 

Guglhupf-Bäckerei in DurhamBildunterschrift: Guglhupf-Bäckerei in Durham

 

Deutscher Kaffee: eine Bio-Waffe?

 

Auch die Pakete von Norbert Gutheins aus Kleinmachnow gehen meistens in die USA. Etwa die Hälfte seiner Kunden, schätzt Gutheins, sind Deutsche. "Die anderen haben hier vielleicht mal Urlaub gemacht, und bei den Amerikanern sind auch viele Soldaten dabei, die früher in Deutschland stationiert waren."

 

Zweiundzwanzig Euro kostet der Versand in die USA, zwei Wochen ist ein Paket dorthin unterwegs. Doch wenn er es sich aussuchen könnte, würde Norbert Gutheins sein Geschäft lieber mit anderen Ländern machen. Denn seit 2002 gibt es ein neues Gesetz, den Anti-Bio-Terrorism Act: Seitdem muss der Inhalt jeder Lebensmittel-Lieferung Produkt für Produkt in ein Online-Formular eingetragen werden. Eine halbe Stunde kostet das Norbert Gutheins pro Paket.

 

Fertig-Spaghetti nach Italien

 

Wenn Norbert Gutheins seine Lieferungen noch einmal durchgeht, kommt er immer wieder ins Staunen. An die vielen Überraschungseier hat er sich mittlerweile zwar gewöhnt, genauso wie an deutsche Party-Pumpernickel und Dinkel-Grünkern-Brotback-Mischungen. Aber was an getrockneten Salatkräutern und Kaba-Kakao so besonders sein soll, ist ihm ein Rätsel: Erst als er danach gefragt wurde, hat er sie in sein Sortiment aufgenommen.

 

"Wahrscheinlich hat Heimweh oft mit ganz gewöhnlichen Sachen zu tun", sinniert er. Damit, wie damals am Frühstückstisch der dampfende Becher Kakao geschmeckt hat. Oder die Prickel-Pit-Brausebonbons, die man als Kind gelutscht hat. Seine skurrilste Lieferung? Eine Ladung Spaghetti-Fertiggerichte von Miracoli: Pasta und Tomatensauce zum Schnell-Anrühren. Die gingen an einen Deutschen in Italien.

 

 

Kerstin Hilt

 

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